Übergreifend

Was Arbeit heute leisten muss

Die Arbeitswelt altert, während sie sich gleichzeitig beschleunigt. Erwerbsbiografien verlaufen nicht mehr linear, Fachkräfte werden knapper, Sicherungssysteme fragiler. Was früher als Personalthema galt, entwickelt sich zunehmend zu einer strategischen Infrastrukturfrage: Wie lange können Menschen arbeiten – körperlich, mental und fachlich? Und wie schaffen Unternehmen Strukturen, die Stabilität ermöglichen, obwohl Planbarkeit zur Ausnahme wird? Jutta Rump, Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE in Ludwigshafen, ordnet im Gespräch ein, warum Beschäftigungsfähigkeit zur entscheidenden Ressource wird – und weshalb Personalpolitik ohne langfristige Perspektive zur operativen Dauerkrise verkommt.

Der demografische Wandel und veränderte Erwerbsbiografien prägen die Arbeitswelt zunehmend. Welche zentralen Herausforderungen ergeben sich daraus aktuell für Unternehmen?

Jutta Rump: Wenn man die demografische Entwicklung nüchtern betrachtet, lassen sich zwei zentrale Herausforderungen identifizieren. Die erste ist die Alterung der Belegschaften und des Arbeitsmarktes insgesamt. Die zweite ist der massive Abgang von Erwerbstätigen in den kommenden Jahren: Rund 13 Millionen Babyboomer werden innerhalb der nächsten zehn Jahre aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Dem stehen aktuell etwa 6,5 Millionen Menschen gegenüber, die neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Vereinfacht gesagt: Wenn zwei gehen, kommt einer nach.

Das führt zu einem strukturellen Abschmelzungsprozess beim verfügbaren Personal. Bevor dieser Effekt voll durchschlägt, stehen viele Unternehmen jedoch zunächst vor einer alternden Belegschaft. Damit rückt eine zentrale Frage in den Fokus: Wie gelingt es, Beschäftigte vom ersten bis zum letzten Arbeitstag arbeitsfähig zu halten – fachlich, gesundheitlich und motivational? Und zwar vor dem Hintergrund steigender Lebensarbeitszeiten, die in vielen Fällen bis 67 Jahre oder darüber hinaus reichen.

Hinzu kommt der Arbeits- und Fachkräftemangel, der zuletzt medial stark diskutiert wurde. Aktuell ist dieses Thema etwas in den Hintergrund gerückt, da die Nachfrage nach Arbeitskräften konjunktur- und strukturbedingt gesunken ist und viele Unternehmen Stellen abgebaut sowie Einstellungsstopps verhängt haben. Langfristig ändert das jedoch nichts an der demografiebedingten Problemlage. Die Relationen bleiben bestehen, auch wenn sie temporär überlagert werden.

Erwerbsverläufe sind heute weniger linear als früher. Wie verändert das die Anforderungen an Personalpolitik und Organisation?

Jutta Rump: Früher galt häufig das Prinzip: einmal rekrutiert, dann bis zur Rente im Unternehmen. Mitarbeiterbindung war kaum ein Thema, der sogenannte Klebeeffekt war selbstverständlich. Personalpolitik war dadurch vergleichsweise überschaubar: Rekrutierung, Qualifizierung, ein gewisses Maß an Personalentwicklung – das war es im Wesentlichen.

Diese Logik trägt heute nicht mehr. Erwerbsverläufe sind fragmentierter, individueller und stärker lebensphasenabhängig geworden. Wechsel gehören zur Normalität, Erwartungen differenzieren sich. Für Unternehmen bedeutet das eine deutlich höhere Komplexität im Umgang mit Personal. Sie rekrutieren heute sehr unterschiedliche Zielgruppen, über Altersstufen, Lebenssituationen und Wertvorstellungen hinweg.

Mitarbeiterbindung ist kein Automatismus mehr, sondern das Ergebnis bewusster Gestaltung. Unternehmen müssen sich intensiv mit Motivation, Identifikation, Entwicklungsperspektiven und Arbeitsbedingungen auseinandersetzen. Führungskräfte spielen dabei eine Schlüsselrolle und müssen professionell in der Lage sein, unterschiedliche Bedürfnisse wahrzunehmen und zu integrieren.

Diese Entwicklung ist eng mit dem Arbeitnehmermarkt der vergangenen Jahre verbunden. Wer Auswahlmöglichkeiten hat, entwickelt ein anderes Anspruchsniveau. Spannend ist die Frage, wie sich das weiterentwickelt, wenn sich der Arbeitsmarkt partiell wieder beruhigt. Längere Verweildauern im Unternehmen sind dann durchaus wieder denkbar – allerdings nur, wenn die strukturellen Rahmenbedingungen stimmen.

Was macht aus Ihrer Sicht eine zeitgemäße Führungskultur aus?

Jutta Rump: Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. Führung ist immer eingebettet in die Kultur, Geschichte, Region und das Geschäftsmodell eines Unternehmens. Was in einem Kontext gut funktioniert, kann in einem anderen völlig fehl am Platz sein.

Ein patriarchalischer Führungsstil kann genauso funktionieren wie partizipative oder agile Modelle – vorausgesetzt, er passt zu den Menschen und zum Unternehmen. Problematisch wird es erst dann, wenn Unzufriedenheit entsteht. Dann stimmt etwas nicht, und es besteht Handlungsbedarf.

Zeitgemäße Führung bedeutet aus meiner Sicht vor allem eines: das eigene Unternehmen ernsthaft zu analysieren und Führung konsequent daraus abzuleiten, statt Moden oder Idealbildern zu folgen. Führung ist kein Selbstzweck, sondern immer Mittel zur Stabilisierung von Leistung und Zusammenarbeit.

Lebensphasenorientierte Personalpolitik gilt als zukunftsweisend. Was zeichnet diesen Ansatz aus?

Jutta Rump: Lebensphasenorientierte Personalpolitik versucht, berufliche Anforderungen und private Lebenssituationen in Einklang zu bringen. Sie nimmt bewusst die Vielfalt privater Lebenslagen in den Blick – etwa Kinderbetreuung, Pflege, Krankheit, Weiterbildung oder Auslandsaufenthalte – ebenso wie unterschiedliche berufliche Phasen vom Einstieg über Entwicklungs- und Führungsphasen bis hin zum Übergang in den Ruhestand.

Ziel ist es, die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeitenden langfristig zu erhalten und zu erhöhen. Diese Beschäftigungsfähigkeit – verstanden als Zusammenspiel von Kompetenz, Motivation und Gesundheit – ist ein zentraler strategischer Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Lebensphasenorientierung ist daher kein „Wohlfühlthema“, sondern klar ökonomisch begründet.

Worin unterscheidet sich eine punktuelle Maßnahmenlogik von einer tragfähigen Gesamtstrategie?

Jutta Rump: Eine hilfreiche Metapher ist eine Matrix. Auf der einen Achse stehen private Lebenssituationen, auf der anderen berufliche Phasen. In den Schnittpunkten liegen konkrete Maßnahmen, die ein Unternehmen anbietet – etwa Arbeitszeitmodelle, Unterstützungsangebote oder Entwicklungsoptionen.

Diese strukturierte „Toolbox“ ermöglicht es Führungskräften, im Mitarbeitergespräch passgenau Lösungen anzubieten. Wichtig ist dabei Transparenz: Es geht nur um Maßnahmen, die realistisch umsetzbar sind. Lebensphasenorientierung ist kein Wunschkonzert, sondern ein Aushandlungsprozess zwischen betrieblichen Möglichkeiten und individuellen Bedürfnissen.

Welche Effekte hat eine konsequente lebensphasenorientierte Ausrichtung?

Jutta Rump: Zahlreiche Untersuchungen zeigen positive Effekte auf Mitarbeiterbindung, Fachkräftesicherung und langfristige Stabilität. Entscheidend ist jedoch immer eine Kosten-Nutzen-Betrachtung. Maßnahmen müssen wirtschaftlich sinnvoll sein.

Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen schneiden hier häufig gut ab, weil sie passgenauer agieren können. Nähe, persönliche Kenntnis und informelle Lösungen sind oft wirksamer als hochgradig formalisierte Systeme.

Welche strategische Rolle spielen betriebliche Vorsorge- und Absicherungsmodelle?

Jutta Rump: Betriebliche Vorsorge wird sich in den kommenden Jahren von einer Zusatzleistung zu einer Muss-Leistung entwickeln. Unsere sozialen Sicherungssysteme geraten in den nächsten zwei Jahrzehnten stark unter Druck. Ein Mehrsäulenmodell mit einer stärkeren betrieblichen Komponente ist sehr wahrscheinlich.

Das betrifft nicht nur große Konzerne, sondern auch kleine und mittlere Unternehmen. Betriebliche Vorsorge wird zu einem zentralen Bestandteil moderner Personal- und Organisationskonzepte.

Wie können Vorsorgeinstrumente sensible Übergänge im Erwerbsleben absichern?

Jutta Rump: Instrumente wie Zeitwertkonten oder betriebliche Altersvorsorge können Familien- und Pflegephasen, Weiterbildungen oder den Übergang in den Ruhestand abfedern. Es geht dabei nicht um Auszeiten zur Selbstverwirklichung, sondern um reale Lebenssituationen, die viele betreffen – etwa die Pflege von Angehörigen, die heute bereits jeden vierten Erwerbstätigen betrifft.

Solche Modelle müssen nicht teuer sein. Es gibt inzwischen sehr intelligente Lösungen. Unternehmen sollten sich hier aktiv informieren und beraten lassen.

Gesundheit ist ein zentrales Thema. Woran erkennt man wirksame Strukturen?

Jutta Rump: Wenn Gesundheitsangebote strukturell verankert sind und von deutlich mehr als den üblichen 20 Prozent der Belegschaft genutzt werden, lassen sich häufig niedrigere Fehlzeiten beobachten. Das ist kein absoluter Beweis, aber ein klarer Hinweis.

Ich plädiere für eine Opportunitätskostenperspektive: Was kostet es ein Unternehmen, wenn es nichts tut? In vielen Fällen ist die Antwort eindeutig – und spricht für Investitionen in Gesundheit und Unterstützung.

Welche Weichen sollten Unternehmen heute stellen?

Jutta Rump: Zentral sind strategische Unternehmens- und Personalplanung. Es geht nicht nur um Kapazitäten, sondern um langfristige Kompetenz-, Motivations- und Gesundheitsanforderungen. Auf Basis von Trendanalysen müssen Stellen, Prozesse und Qualifikationen weiterentwickelt werden.

Beschäftigungsfähigkeit ist der Schlüssel. Wer sie strategisch in den Blick nimmt, schafft Stabilität in einer Arbeitswelt, die immer weniger planbar wird.
 

Prof. Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen (IBE) – eine wissenschaftliche Einrichtung der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und Forschungsschwerpunkt des Landes Rheinland-Pfalz. 

An der Universität Bern ist sie in Rochester-Bern Executive Programs tätig. Neben ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit ist Jutta Rump in zahlreichen Gremien auf Bundes- und Landesebene sowie in der Wirtschaft aktiv.

Seit 2007 gehört Jutta Rump kontinuierlich – laut Personalmagazin (Haufe-Verlag) – zu den 40 führenden HR-Köpfen. Laut der Zeitschrift Personalwirtschaft (FAZ-Gruppe) zählt sie zu den 50 HR-Vordenkern aus fünf Jahrzehnten („50 Jahre – 50 HR-Vordenkerinnen“). Zudem wurde sie 2023 und 2025 in die Gruppe der (HR-)Big Five aufgenommen.

Diesen Beitrag teilen